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Fachbereich 5: Eine Truppe für alle Fälle

Die Waldarbeiter des „Fachbereichs 5: Wald- und Naturschutz“ kümmern sich um sämtliche Arbeiten, die draußen im Nationalpark anfallen

Es ist einer jener Tage im Nordschwarzwald, an denen sich der Winter von seiner ungemütlichen  Seite  zeigt:  15  Zentimeter Neuschnee sind angesagt, als Vorboten schweben an diesem Vormittag feine Eisnadeln bei eisigen Böen vom Himmel und prickeln auf der Haut. Obwohl es vor einigen Tagen bereits Tauwetter gab, sind Wald und Wiesen rund um Klosterreichenbach nach wie vor von einer geschlossenen Schneedecke überzogen. Doch Jörg Ziegler, Leiter des Fachbereichs (FB) 5 der Nationalpark-Sonderbehörde, ringen diese Bedingungen nur ein müdes Lächeln ab. Seit der Einrichtung des neuen Schutzgebiets vor gut einem Jahr haben er und seine 25 Mitarbeiter auch im Winter gut zu tun. Zieglers Forstleute sind „die Praktiker“ des Nationalparks, kümmern sich also um die Arbeiten, die draußen im Gelände anfallen und lassen sich von dem bisschen Schneefall natürlich nicht einschüchtern.

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Schauen heute beim Wildgehege nach dem Rechten: Nationalpark-Forstwirt Michael Bredenhagen, Fachbereichsleiter Jörg Ziegler und Horst Braun, Gebietsleiter Süd (v.l.)

Wie die gesamte Sonderbehörde existiert auch der FB 5 erst seit gut einem Jahr, musste aber ebenfalls beinahe ohne Vorlauf voll ins Geschäft einsteigen. „Wir sind sofort von 0 auf 100 gegangen“, erzählt Jörg Ziegler vom Anfang seines Fachbereichs. Hilfreich war beim Start sicher, dass die meisten von Zieglers Leuten bereits vorher als Forstwirte der Unteren Forstbehörden Freudenstadt, Rastatt und Ortenaukreis im heutigen Nationalparkgebiet gearbeitet haben. „Bei der Mitarbeiterfindung ging es nach dem Prinzip ‚Personal folgt Aufgabe‘“, erklärt Jörg Ziegler. Die örtliche Vertrautheit spiele eine gewichtige Rolle, schließlich müsse man „seinen Wald kennen“. Erfreulich viele Forstwirte hätten sich damals für den Wechsel entschieden. So sei zum Beispiel die Arbeitsgruppe um Horst Braun, den Gebietsleiter Süd des Fachbereichs 5, geschlossen zur Sonderbehörde gewechselt. „Das war aber schon eine große Umstellung“, erzählt Braun heute. Denn das Aufgabenspektrum für ihn und seine sechs Nationalpark-Forstwirte – so die neue Berufsbezeichnung – hat sich deutlich erweitert.

Eine der größten Neuerungen  war  beispielsweise  die  durchgehende  Beschäftigung, auch im Winter. „Früher waren die Arbeiter zwei bis drei Monate im Winter unbeschäftigt, da es nichts zu tun gab“, erklärt Braun. Für den Nationalpark übernehmen die Männer nun auch Aufgaben in der kalten Jahreszeit: Winterwanderwege müssen angelegt und instand gehalten werden, Hochsitze sind zu bauen, und natürlich Loipen zu spuren. „Wenn es frisch geschneit hat, brauchen wir mit den zwei Loipenspurgeräten rund 25 Stunden, bis wir durch sind“, sagt Bernd Schindler, Gebietsleiter im Nordteil des Nationalparks, „und 20 Stunden, wenn schon vorher gespurt war.“ Vier gut geschulte Fahrer legen mit den zwei spezialisierten Hightech-Pistenraupen die unterschiedlichen Loipen an.

Einer von ihnen ist Michael Albrecht, der bei Schneegestöber im Führerhaus seiner Raupe sitzt und gerade dabei ist, eine Kombiloipe nachzuspuren: eine Doppelspur für den klassischen Stil und eine breite, gewalzte Spur für die Skating-Profis. „Die meisten laufen im klassischen Stil, wir haben vielleicht fünf Prozent reine Skaterspuren“, erklärt Albrecht. Seine Maschine ist sehr variabel. „Ich kann eine oder zwei Doppelspuren in unterschiedlichen Abständen und Spurbreiten anlegen, gleichzeitig eine Skaterspur walzen“, erläutert der Fahrer. „Und es erfordert ein feines Gespür, wie man fährt, je nach Art des Schnees. Bei Pulverschnee muss ich beispielsweise vorsichtiger fahren, sonst ist die Spur gleich wieder zu.“

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Winter im Hirschgehege

Die Arbeiten für die Langlauffreunde bilden jedoch nur einen kleinen Teil der Tätigkeiten der Forstleute ab. Fachbereichsleiter Jörg Ziegler gibt einen Überblick über die Hauptaufgaben: „Wir  kümmern  uns  um  die  Umsetzung  des  Borkenkäfer-und Schalenwild-Managements, arbeiten intensiv am Waldentwicklungsplan mit, schaffen und erhalten die Infrastruktur, Wege und Beschilderung, kümmern uns um Waldentwicklungsmaßnahmen in der Managementzone, führen das dabei eingeschlagene  Holz  einer  Verwertung  zu,  betreiben  Habitatpflege,  gewährleisten die Verkehrssicherung und erledigen Reparaturen.“

Um bei all den Aufgaben den Überblick zu behalten, teilt der Fachbereich die Nationalpark-Fläche in drei Gebiete  auf, die  jeweils über einen Gebietsleiter mit drei bis sechs Waldarbeitern verfügt. Diese kümmern sich in ihrem jeweiligen Revier um die anfallenden Aufgaben. Zudem wird Jörg Ziegler von seinem stellvertretendem Leiter Friedrich Burghardt unterstützt. Der kümmert sich als Biologe auch um das Schalenwild-Management. Und seit kurzem verstärkt Dieter Dreher als Verantwortlicher für die Bereiche Infrastruktur, Beschaffung und Haushaltsführung das Team. Dreher koordiniert zudem  einen  Zimmermann,  der Reparaturen und Arbeiten ausführt und sich um den Hochsitzbau kümmert. Im Zuge der neuen Aufgaben haben die Mitarbeiter des Fachbereichs Wald zahlreiche Weiterbildungsangebote wahrgenommen. „Das Ziel hat sich vom Nutzen des Waldes hin zum Schutz verlagert“, erklärt Ziegler. Während die Forstwirte früher oft lange Zeit mit der gleichen Aufgabe, zum Beispiel Holzeinschlag, beschäftigt waren, stellen sich den Nationalpark-Forstwirten jetzt sehr viele Aufgaben in kurzer Zeit. Dazu gehört zum Beispiel auch, kompetent auf Touristenfragen antworten zu können.

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Verantwortlicher für das Schalenwild und stellvertretender Fachbereichsleiter: Friedrich Burghardt erklärt die Funktionsweise eines Senderhalsbands

Die hört auch Michael Bredenhagen sehr häufig. Er betreut als einer der vierzehn Waldarbeiter des Fachbereichs das sieben Hektar große Tiergehege im Tonbachtal mit zwölf Stück Rotwild. „Ich kümmere mich um alles hier im Gehege“, erklärt Bredenhagen und sieht zu seinen Schützlingen hinüber, der Schneefall hat eben kurz ausgesetzt. „Die Fütterung der Tiere, Reparaturen und mehr“. Da müsse man natürlich auch abends und  am  Wochenende antreten. Bredenhagen erzählt von der kürzlich stattgefunden  Blutauffrischung, von der Notwendigkeit genetischer Erneuerung unter den Tieren und den deutlich größeren Herausforderungen, die der Nationalpark bereithalte. Er erklärt, dass regelmäßig die jungen Hirsche aus der Gruppe genommen werden müssen, damit es nicht zu Rivalitäten im Gehege kommt. Und wie unlängst im Januar ein Hochwasser einen großen Teil des Zauns mitgenommen hat. Bredenhagen ist viel Idealismus in Zusammenhang mit seiner neuen Aufgabe anzumerken, mit dem er auch gerne neugierige Fußgänger am Wildgehege informiert. „Alles kein Problem“, erklärt er mit einem Augenzwinkern „wir wurden sehr gut geschult“.

Weiterbildung sei das A und O im Fachbereich 5, verdeutlicht Ziegler, ständen doch alle seine Mitarbeiter nun vor der neuen Herausforderung, interdisziplinär und in Abstimmung mit den anderen  Bereichen  der  Sonderbehörde zu arbeiten. Denn der Entwicklungs-Nationalpark, er erfordert zunächst vor allem die Entwicklung von Konzepten. Keiner wisse zum jetzigen Zeitpunkt genau, wie das Ziel, einen „Urzustand“ zu erreichen, am sinnvollsten zu verwirklichen sei, erklärt der Bereichsleiter. Da es in Mitteleuropa keinen Urwald gebe, könne niemand sagen, wie ein solcher heute aussehen würde. „Man weiß zwar anhand von Pollenanalysen, dass es vor langer Zeit – noch vor der Nutzung durch den Menschen – mehr Tannen als Fichten im Schwarzwald  gab  und  der  Buchenanteil  viel  höher  lag“,  sagt Ziegler, aber man weiß beispielsweise nicht, ob der entstehende  Urwald  wieder  so  aussehen  wird.  Wir  haben  heute  einen Klimawandel, der die Vegetation beeinflussen könnte und unzählige andere Faktoren, deren Wirkung keiner genau voraussagen kann.“

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Infografik zum Fachbereich 5 – zum Vergrößern anklicken

Aus diesem Wissen ergebe sich zum Beispiel folgende Frage: Soll man dem Wald gezielt Fichten entnehmen, um den Weg zum urtümlichen Waldbild „abzukürzen“, oder lieber gar nicht eingreifen und alles einem natürlichen, viel langsameren Prozess überlassen? Und wie verhält es sich mit dem Wildbestand? Mit gezielten Jagdmaßnahmen eingreifen oder alles die Natur machen lassen?

Um  diese  und  unzählige  ähnlich  gelagerte Fragen  überhaupt  diskutieren  zu  können,  muss aber eines gewährleistet sein: Man muss über den gegenwärtigen Zustand des Waldes Bescheid wissen. Sehr viel konzeptionelle Arbeit leistet Zieglers Fachbereich daher in der Bestandsaufnahme: Wo stehen welche Baumarten? Wie alt sind die Bäume? Wie groß ist der Wildbestand? Wo befinden sich Habitate?
„Die Frage, wo wir jetzt stehen, wo der Entwicklungsprozess also beginnt, bestimmt die Diskussionen um das weitere  Vorgehen“,  erklärt  Ziegler.  Da  seine  Waldarbeiter  die Natur  in  ihrem  Revier  sehr  gut  kennen,  liefern  sie  mit  ihren Beobachtungen also einen zentralen Baustein der strategischen Überlegungen der Sonderbehörde. Auch dieser Aspekt verdeutlicht, wie sehr sich die Aufgaben der Waldarbeiter mit der Gründung des Nationalparks verlagert haben.


INFOS:

Aufgabenspektrum des Fachbereichs Wald und Naturschutz

Borkenkäfermanagement
Es gilt zu verhindern, dass eine erhöhte Borkenkäfer-Population von der Kernzone des Nationalparks auf angrenzende Wirtschaftswälder überspringt (siehe auch Infoartikel). Befallene Bäume werden herausgesucht, markiert, geschlagen und abtransportiert.

Schalenwild-Management
In Abstimmung mit den Waldnachbarn soll ein Wild-Konzept entstehen, bei dem in der Kernzone des Nationalparks die Bejagung von Wild in 20 bis 30 Jahren auf 75 Prozent verringert werden kann. Das Wild soll seine Scheu vor Lichtungen und freien Flächen, auf denen es heute gejagt wird, verlieren und sich wieder natürlicher verhalten.

Wegekonzept und Verkehrssicherung
Über das Nationalparkgelände führen Radwege, Single- und Schneeschuh-Trails, Sommer- und Winterwanderwege, Fahrwege, Rettungswege etc. Dieses Netz unterschiedlichster Ausprägungen muss ausgearbeitet, angelegt, ausgewiesen und instandgehalten werden. Zudem sind Überfahrtsrechte mit den Nachbarn ausauszuhandeln, um bestimmte Gebiete des Nationalparks überhaupt erreichen zu können. Außerdem übernimmt der FB 5 die Verkehrssicherungspflicht für das Nationalpark-Gelände.

Waldentwicklungsplan
Auf Grundlage ihres gegenwärtigen Zustandes wird die zukünftige Waldstruktur der Managementzonen geplant. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle: Baumart, Vorkommen, Häufigkeit, Bodenbeschaffenheit etc. Auch die grundsätzliche Frage, wie viel der Mensch überhaupt eingreifen sollte, wird diskutiert.

Infrastruktur
Instandhaltung und Bau von Touristenattraktionen, Erholungseinrichtungen, Wegen, Stiegen, etc. Im Winter wurde eine Zimmerei angemietet, um Hochsitze zu bauen und zu reparieren. Auch der unlängst geschlossene „Adlerhorst“ am Wildnispfad Baden-Baden wird vom Fachbereich Forst neu konzipiert und gebaut.

Anfallende „klassische“ Waldarbeiten
Natürlich müssen immer wieder Bäume gefällt, Holz verwertet und abtransportiert werden.

Standardgeschäftsprozesse
Als junger Fachbereich einer neuen Behörde müssen sich natürlich auch noch die Alltagsprozesse einspielen.