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Der Stellvertreter des Auerochsen

Nationalpark Schwarzwald Magazin, Ausgabe 06, Thema Weidetiere, Heckrind, Bild: Sascha Hummel

Neuer „Star“ unter den Weidetieren auf den Grinden: das Heckrind

Die Grinden sind schon vor Jahrhunderten von Menschenhand als Weideflächen geschaffen worden. Mittlerweile sind sie zu einem Lebensraum für schützenswerte Tiere und Pflanzen geworden, die so im Wald nicht vorkommen. Um diese wilden Flächen freizuhalten, braucht es robuste Weidetiere, die nicht nur auf saftiges Gras oder gar Kraftfutter angewiesen sind. Das Heckrind kommt auf den Hochflächen des Nationalparks mit eher magerem Futter aus und hält die rauen Gräser, Sträucher und Gehölze niedrig.

Sie wirken imposant mit ihren großen, gebogenen Hörnern und ihrem dunklen, schwarzbraunen Fell. Sie wirken urtümlich – und das sollen sie auch. Ihre Art wurde von den Brüdern Heinz und Lutz Heck in den 1920er-Jahren mit einem besonderen Ziel gezüchtet: Die Heckrinder sollten dem seit dem 15. Jahrhundert ausgestorbenen Auerochsen in Aussehen, Wuchs und Widerstandsfähigkeit nahekommen. Und weil Auerochsen in früheren Zeiten im Schwarzwald lebten, ist das Heckrind als sein Ebenbild ein würdiger Nachfolger auf den Grinden des Nationalparks.

Heckrinder kommen mit wenig Futter aus

Im Sommer 2016 brachte Züchter Sascha Hummel aus Kehl auf Bitten der Nationalparkverwaltung fünf Kühe, einen Stier und zwei Kälber dieser Rasse auf eine sieben Hektar große Grindenfläche im Gebiet Muckenloch. „Die Tiere überwintern im Rheintal bei Kehl, von dort bringe ich sie mit einem Unimog, dem Rindertaxi vom Maschinenring und einem Geländewagen mit Viehanhänger auf die Weide“, erzählt der Viehzüchter, der sich unter anderem auf seltene alte Nutztierrassen spezialisiert hat. „Was die Heckrinder von allen anderen Rindern abhebt, ist die Ursprünglichkeit und ihr wilder Charakter.“

Ihre Robustheit und Anspruchslosigkeit ermögliche es den Heckrindern, auf solchen Weiden in freier Natur zu leben, erklärt Hummel. „Das sind keine Fleisch- oder Milchlieferanten, das sind Rinder!“ Hummels Heckrinder fressen ihr ganzes Leben lang niemals Kraftfutter oder Soja, sondern nur Gras und Heu. Und natürlich die Kräuter der Grinden, darüber hinaus auch Blätter, Beeren und Triebe der Bäume. Sie bleiben immer im geschlossenen Herdenverband. In diesem Jahr hat Sascha Hummel 20 Hektar Fläche zur Verfügung und wird sieben Kühe, einen Stier und fünf Kälber auf die Grinden bringen.

Von den Heckrindern erzählt auch Nationalpark-Rangerin Julia Wohllaib auf der mehrmals jährlich stattfindenden Führung „Wilde Weiden“: „Alle Tierarten, die sich evolutionär an das Fraßverhalten des Auerochsen und damit an die so entstandenen Offenland-Lebensräume angepasst haben, profitieren jetzt auch von der Beweidung durch das Heckrind.“ Dazu gehören Auerhühner, aber auch Wiesenpieper, Kreuzottern, Alpine Gebirgsschrecken oder Fledermäuse.

Elefanten im Schwarzwald

In deutschen Mittelgebirgen gab es bis vor wenigen Jahrhunderten neben den Auerochsen auch andere große Pflanzenfresser: Elche, Wisente, Steinböcke, das europäische Wildpferd „Tarpan“ oder Gämsen. „Für ein Wisent war es kein Problem, einen Baum umzuknicken. Die Pflanzenfresser haben sich den Wald gestaltet und ihn licht und offen gehalten“, erklärt die Rangerin. „Und vor Jahrtausenden lebten hier in Mitteleuropa – bei gleichen klimatischen Verhältnissen – sogar der europäische Waldelefant, zwei Nashornarten, außerdem Höhlenlöwen sowie Höhlenbären. Einen dunklen, dichten Wald wie unsere Wirtschaftswälder gab es damals nicht. Der Wald bestand aus einem Mosaik aus unterschiedlichen Strukturen und war vermutlich wesentlich lichter.“

Die heutigen Grinden sind zwar vor Jahrhunderten aus der Rodung von Menschenhand entstanden, aber sie bieten der Flora und Fauna einen Lebensraum, der den einstigen Urwäldern ähnlich ist. Und dabei helfen die Heckrinder. Aber nicht nur sie. Auf den Weiden des Nationalparks grasen auch Hummels Bulgarische Langhaarziegen, die Hinterwälder Rinder von Gerold Wein, die Schafe von Schäferin Ute Svensson und die Schafe und Ziegen von Marianne Burger. Mit ein bisschen Glück kann man sich diese teilweise seltenen Tiere bei einem Besuch der Grinden im Nationalpark Schwarzwald auch mal aus der Nähe anschauen.

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