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Interview mit Dr. Wolfgang Schlund

Herr Dr. Schlund, bitte beschreiben Sie in wenigen Worten, was das neue Besucherzentrum ausmacht und was es erreichen möchte:
Das Haus lädt uns in die Welt der Waldnatur ein, es möchte uns für ihre Abläufe begeistern. Es stimuliert unsere Sinne, packt uns emotional und zeigt uns gleichzeitig, wie fragilunsere Welt, in der unser Nordschwarzwald nur einen kleinen Baustein darstellt, doch ist. Ich bin sicher, die Besucher werden genau das spüren und das Gebäude mit Gänsehaut verlassen.

Wann wird das neue Zentrum für Besucher offen sein?
Corona bedingt gibt es kein Eröffnungsfest mit großer Öffentlichkeit. Nach der offiziellen Schlüsselübergabe durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann werden wir das Haus auf Raten öffnen. Ab Dezember ist ein Testbetrieb mit eingeladenen Gruppen geplant, ab März werden wir das Haus dann unter Corona Auflagen schrittweise öffnen. Dann zieht auch die Besuchsinformation in das neue Gebäude um. Alles soll vorsichtig und kontrolliert ablaufen. Dafür haben wir ein Konzept erstellt, das uns als Leitfaden dient. In Abstimmung mit den zuständigen Behörden ist darin klar definiert, wie viele Menschen sich gleichzeitig im Gebäude und in den einzelnen Bereichen aufhalten dürfen. Eine Herausforderungbleibt es dennoch, die Abstände einzuhalten: Die Ausstellung verfügt über sechzig Meter lange und nur sieben Meter breite Riegel. Laufrichtungen sollten gut nachvollziehbar sein. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass Exponate oder Touchscreens laufend desinfiziert werden. Das ist oberste Priorität einer interaktiven Ausstellung, bei der anfassen, spielen oder justieren sogar erwünscht ist.

Welche Gruppen werden das Haus zunächst besichtigen?
Nach den Offiziellen werden es sicherlich die Menschen aus der Region sein, der Nationalparkgemeinden, auch unsere 120 Mitarbeiter mit ihren Familien und natürlich die Arbeiter am Bau. Sie alle haben ein berechtigtes Interesse an dem neuen Besucherzentrum, denn sie alle haben seinen Bau mitgetragen. Außerdem haben wir erste Anfragen vom Freundeskreis des Nationalparks und von Schulklassen, die die Werkräume im neuen Gebäude nutzen möchten. Wann wir den Normalbetrieb in allen Bereichen und ohne Corona-Einschränkung aufnehmen können, hängt von der Entwicklung der Pandemie ab.

Das Erreichen eines Meilensteins ist auch immer ein Moment der Rückschau. Auch bei Ihnen?

Ja, natürlich. Das habe ich in den letzten Tagen und Wochen häufig getan, denn es war eine spannende Reise bis hierher. Die Idee zum Nationalpark gab es ja bereits seit den Neunzigerjahren. Doch weder regionale Kräfte aus Politik noch aus der Tourismuswirtschaft waren seinerzeit darauf angesprungen. Der Begriff Nationalpark war für sie ein Unwort. Geändert hat sich die Situation erst vor ungefähr zehn Jahren, als sich die Naturschutzverwaltung mit dem Naturschutzzentrum Ruhestein darum bemüht haben, im Nordschwarzwald ein Großschutzgebiet ausweisen zu lassen. Damals waren es vor allem die Touristiker, die kein Biosphärengebiet im Nordschwarzwald haben wollten, das gab es ja bereits auf der Schwäbischen Alb. Stattdessen brachten sie das Thema Nationalpark wieder ins Gespräch. So hat sich deren Haltung in zwanzig Jahren gedreht und die Zeit war reif dafür.

War die Öffentlichkeit auch reif dafür?
Im direkten Umfeld muss heute noch Überzeugungsarbeit geleistet werden, sicher, doch eine große Mehrheit in Baden-Württemberg hat damals schon mitgeträumt. Die Menschen waren offen für grüne Themen, auch das Interesse der Medien war geweckt. Als Naturschutzzentrumsleiter bin ich sehr häufig zu Interviews eingeladen und um Statements für Fernsehbeiträge gebeten worden. Auch der NABU hatte die Idee aufgegriffen und ein Screening veranlasst, ob und wie ein Nationalpark im Nordschwarzwald funktionieren könnte. Unabhängig davon hatten das Landeswirtschaftsministerium die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt  Baden-Württemberg mit Thomas Waldenspuhl an der Spitze und das Umweltministerium das Naturschutzzentrum mit mir in der Verantwortung mit einer Prüfung beauftragt. Diese drei Analysen lagen alle quasi fertig in der Schublade.

Und wann wurde die Schublade geöffnet?
Als ab 2011 Grün-Rot die Landesregierung stellte, war auch politisch das Zeitfenster da, die Nationalparkidee umzusetzen. Nur wenige Tage nach der Wahl wurde ich von Alexander Bonde angerufen, dem damals zuständigen Landesminister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Ab diesem Zeitpunkt waren Landwirtschaft und Umweltschutz unter einem Dach und die Analysen in einer Schublade. Bonde fragte mich, welche der Vorschläge wir nun angehen wollten. Letztlich wurde es eine Kombination aus Thomas Waldenspuhls und meinem Vorschlag. So begann unsere Zusammenarbeit.

Wann war das Besucherzentrum ein Thema der Planungen?
Es war immer klar, dass das alte Besucherzentrum den Anforderungen des Nationalparks nicht genügen würde: Weder reichte der Platz noch die technischen Möglichkeiten. Deshalb wurden wir vom Ministerium aufgefordert, ein neues Zentrum von Anfang an mitzudenken. Wann genau es gebaut werden sollte, war nicht sofort klar. Doch nachdem der Ruhestein vom Nationalparkrat als Standort des Neubaus definiert worden war, ging es schnell darum, was das Gebäude beherbergen sollte: von der Ausstellung, über Kino, Cafeteria bis zu Werkräumen. Das anvisierte Ziel war immer, auch in Baden-Württemberg ein pädagogisch wertvolles Haus zu haben.

Das heißt, es gab Vorbilder?
Natürlich haben wir uns viele schöne Häuser angeschaut und Ideen gesammelt. Etwa das Zentrum in Stralsund, doch das passte von Philosophie und Anspruch nicht zu unserem Gebiet. Dort ist Meer, wir haben Wald. Deshalb haben  wir uns an waldreichen Nationalparken orientiert. Eng verbunden sind wir seither mit dem Zentrum im Bayerischen Wald und dem „Haus der Berge“ im Nationalpark Berchtesgaden. Beide Häuser haben wir mit Landesvertretern angeschaut, um den Raumbedarf für unseren Neubau und unsere Ideen festzulegen. Verantwortliche beider Parks haben uns erklärt, auf was wir dabei achten sollten und welche Fehler wir nicht machen müssten. Dieser Input war Hilfe und Inspiration zugleich. Der Teamspirit unter den Nationalparken ist hoch, Konkurrenz ist uns fremd. Bis heute sind wir in engem Austausch. Ich freue mich schon darauf, die Kollegen in unserem Besucherzentrum zu begrüßen.

Zurück in die Zukunft: Was wird künftig im neuen Zentrum stattfinden?
Perspektivisch sehe ich in Zusammenarbeit mit der Region ein breit aufgestelltes Programm, das auch Kleinkunst und Musik beinhaltet. Ich kann mir sogar vorstellen, eine Art Filmfestival in unserem Kino zu organisieren, das privat engagierten Filmern oder Profis eine Plattform bietet, um ihre Naturfilme zu präsentieren. Auch Wissenschaftler anderer Nationalparke für Vorträge und den fachlichen Austausch zu gewinnen, wäre wunderbar. Mit unserem Plus an Platz ist vieles denkbar. Aber das ist ins Blaue gesprochen. Für mehr war bislang kaum Zeit. Sobald die Eröffnungsphase hinter uns liegt, gehen wir es an, das alles in ein rundes Konzept zu packen. Darum kümmern sich federführend die Leiterin des Besucherzentrums, Ursula Pütz, und ihre Stellvertreterin Friederike Scharfe.

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