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Nachwuchs nach allen Seiten fördern

Schulen und Kindergärten kooperieren mit dem Nationalpark in der Nachwuchsförderung.

Wie achtsam und vertrauensvoll wir uns in der Natur bewegen, wird in unseren ersten Lebensjahren angelegt. Gelingt es uns, bereits die Jüngsten für Natur und Nachhaltigkeit zu begeistern, haben wir viel für die Zukunft erreicht. Das Team der Natur- und Wildnisbildung des Nationalparks geht jetzt noch einen Schritt weiter und investiert seit Kurzem auch in die Ausbildung angehender Erzieherinnen.

Moose ertasten, Kräuter riechen, Rinde von Totholz betrachten oder den Geräuschen des Waldes lauschen – über solche emotionalen Erlebnisse finden Kinder Zugang zu der wilden Natur des Nationalparks. In der Natur- und Wildnisbildung sind unterschiedliche Angebote zielgruppengerecht zusammengefasst. Sebastian Schwab leitet diesen Themenbereich, der auf der Erkenntnis basiert, dass der Mensch nur das schätzt und schützt, was er kennt. Damit könne man nie früh genug beginnen, stellt Schwab fest. Seit vier Jahren kooperieren 19 unterschiedlichste Schulen aus der Nationalparkregion mit der Natur- und Wildnisbildung, auch 15 Kindertagesstätten.

Emotional lernen lassen
Gerade die Pädagogik im Elementarbereich, also mit Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren, ist prägend für das ganze Leben, weiß Kerstin Musso. Die Erzieherin und Teamkollegin Schwabs hat schon bei der Konzeption des Nationalparks angeregt, dass diese Zielgruppe bei der Wildnisbildung mitgedacht werden müsse. Ihre Erfahrungen der letzten fünf Jahre bestätigen sie darin. „Kerstin, das ist die schönste Welt, die ich je erlebt habe“, flüsterte ein Fünfjähriger ihr erst kürzlich ins Ohr, erzählt sie gerührt. Die erfahrene Pädagogin ermutigt Kinder, auf Entdeckungsreise zu gehen. Sie weiß, dass Kinder bis sechs Jahre Erlebnisse wie ein Schwamm aufsaugen und ohne Vorbehalte etwas wagen. „Die Kinder öffnen sich, sind achtsamer miteinander, auch ihre Sprache gegenüber anderen wird anders“, stellt sie fest. Selbst bei den Eltern und Erzieherinnen habe die Natur beruhigende Wirkung. Nach einem Tag im Nationalpark gehen alle beseelt und entspannt nach Hause.

Erste Anerkennungspraktikantin
Neben der Arbeit mit den Jüngsten liegt dem Team um Schwab und Musso die enge Zusammenarbeit mit dem Erzieherinnen-Nachwuchs am Herzen. Sie sind es, die später Tag für Tag Nachhaltigkeit vermitteln sollen. Seit Kurzem arbeitet der Nationalpark mit der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Bühl zusammen, einer Fachschule für Sozialpädagogik. „Deren angehende Erzieherinnen erproben bei uns, was in der Natur mit Kindern alles möglich ist“, erklärt Musso. „Doch bis die Fachschüler die Schwelle Natur nehmen, müssen wir oft auch viel Überzeugungsarbeit leisten.“ Naturpädagogik in dieser Vielfalt komme in den Lehrplänen einer klassischen Ausbildung zur Erzieherin nicht vor. Mirjam hat diese Schwelle genommen. Die zwanzigjährige Schwarzwälderin hat 2019 ihr Anerkennungsjahr in der Natur- und Wildnisbildung begonnen. Sie ist die erste Anerkennungspraktikantin im Nationalpark Schwarzwald.

Keine Angst vor Sprachlosigkeit
Mirjam ist Teil eines Teams aus Umweltpädagogen, Lehrkräften, Erzieherinnen und jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr im Nationalpark ableisten. Sie darf nicht nur, sie soll sogar alleine betreuen – und das mache sie sehr gut, lobt Schwab und hofft, dass Mirjam nicht die letzte Anerkennungspraktikantin in seinem Team sein wird. Die Angst vor einer ungleich höheren Gefahr bei der Arbeit mit Kindern in der Natur sei unbegründet. „Die ausgewiesenen Bildungsbereiche, in denen wir mit unseren kleinen Gästen auf Erkundung gehen, werden regelmäßig kontrolliert“, versichert Schwab, „ gerade auch, weil sie – untypisch für die Gesetzmäßigkeiten des Nationalparks – auch abseits der Wege verlaufen“. Es sei nicht schlimm, die Antwort auf neugierige Fragen einmal schuldig bleiben zu müssen, im Gegenteil: „Nicht zu wissen, wie Pilze oder Käfer heißen, gibt uns als Pädagogen die Chance, die Kinder bei Recherchen der Antworten einzubeziehen – und das noch Wochen später.“ Die Antwort sofort zu nennen, ginge links rein und rechts wieder raus, so Schwab. Sie selbst herauszufinden sei Wissen, das bleibe: „Das ist nachhaltiges Lernen“.

Immer wieder – immer länger
Nachhaltigkeit ist gerade in der Elementarbildung sehr wichtig. Zeit und Geduld sind unverzichtbare Faktoren. Kinder müssen sich in Ruhe an eine neue Umgebung gewöhnen dürfen. Wiederholungen sind wichtig für die Vertrauensbildung, auch die Verweildauer. Mit Kindergärten sei das leichter umsetzbar, so Schwab, Schulen wären enger getaktet. Auch das mache es ungleich schwerer, die Bindung älterer Schüler zur Natur zu festigen, weiß er: „Wir hätten gerne mehr Zeit mit Schülern“. Gerade die Nacht sei besonders wertvoll. „Letztlich hängt immer alles davon ab, wie weit sich die Kinder auf die Natur einlassen wollen, denn Überforderung und Angst sind kontraproduktiv“, ergänzt Musso. Ist das nicht der Fall, dann sei vieles denkbar – etwa mit dem Papa im Wald auf einer Isomatte und ohne Zelt übernachten. „Ein gemeinsames Abenteuer intensiviert die Bindung vom Kind zum Elternteil enorm, sie bekommt eine ganz neue Qualität“, weiß Musso.

Eine Lanze für die Jugend brechen
Geschichte wiederholt sich, auch die soziologische. Denn irgendwann denkt jede ältere Generation, dass die Jugend Schuld habe, dass es mit der Menschheit bergab geht. Heute steht die digitale Generation in der Kritik. Doch Handys und Tablets sind für Schwab nicht die Verursacher dafür, dass viele der Kinder und Jugendlichen von heute so unbeweglich und naturfern sind. Er sieht die Hauptursache in einer übertriebenen Sorge vieler Eltern, die Angst dort schüre, wo zuvor kindliche Neugierde und ein großer Eigenantrieb war, die Welt zu entdecken. „Noch vor sechzig Jahren mussten Kinder kilometerweit zur Schule durch die Natur laufen und sind auf dem Nachhauseweg selbstverständlich auf einem umgestürzten Baum geritten, haben Kräuter gesammelt, Feuersalamander am Bach beobachtet und Heuschrecken gefangen. Heute ist der Radius, in dem sich Kinder bewegen, der eigene Häuserblock, oft sogar nur der heimische Garten“, beklagt Schwab.

Vertrauen braucht Gegenseitigkeit
Diese Entwicklung müsse laut Schwab gestoppt werden. In seiner Doktorarbeit hinterfragte er, wie Jugendliche Umweltschutz sehen und wie man deren Konzepte in Bildungsarbeit umsetzen könne. „Die wichtigste Antwort, die ich während meiner Promotion und auch als zweifacher Vater gewonnen habe, ist, dass wir unseren Kindern etwas zutrauen und ihnen Verantwortung übertragen sollten, denn damit beweisen wir, dass wir auch Vertrauen in das haben, was wir ihnen auf den Weg geben.“ Die Lehre vom Loslassen ist auch Grundgedanke des Nationalparks. 2014 wurde eine gezähmte Natur wieder sich selbst überlassen: „Hier bei uns bieten wir jungen Menschen die Chance, diesen Prozess hautnah zu erleben, wertzuschätzen und daraus Schlüsse für ihr Leben zu ziehen.“

Bild, von links: Kerstin Musso, Myriam Fischer, Sebastian Schwab

Dr. Sebastian Schwab
ist seit 2015 Leiter der Natur- und Wildnisbildung im Nationalpark. Er stammt aus Hessen, studierte in Freiburg Forstwissenschaften, qualifizierte sich weiter im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung von Kindergartenkindern über Jugendliche bis zu Erwachsenen.

Kerstin Musso
ist ausgebildete Erzieherin und Fachwirtin in Organisation und Führung im Sozialwesen. Sie leitete einige Jahre einen Kindergarten und arbeitete bereits 2011 mit am Aufbau des Junior-Ranger-Programms, also vor der Gründung des Nationalparks. Damals noch ehrenamtlich.

Seit 2015 ist sie im Nationalpark angestellt und unterstützt Sebastian Schwab bei der Anleitung des Teams und der Koordinierung der Aufgaben.