Magazin Menschen Skilanglauf-Tour

Porträt des Loipenteams im Nationalpark

Immer in der Spur bleiben

Langlaufen ist im Trend – und der Schwarzwald mit seinen vielen Fernskiwanderwegen, Genuss-, Panorama- oder Flutlichtloipen gefragtes Ziel für Einsteiger wie Cracks. Allein 154 Loipenkilometer führen durch den Nationalpark und in angrenzende Forst- und Privatwälder. Ein siebenköpfiges Loipenteam kümmert sich Tag und Nacht darum, dass die Spuren hindernisfrei und gut präpariert sind, Informationen online und an Service-Stationen tagesaktuell abgerufen werden können.

Wenn Langläufer frühmorgens durch den zauberhaft verschneiten Nationalpark skaten oder laufen, geht Sven Gaiser gerade ins Bett. Er ist für die Loipen des südlichen Teils im Nationalpark zuständig und spurt im Winter bei Vollauslastung 100 Kilometer – und das jede Nacht, immer dieselben Kilometer, an sechs Nächten die Woche. „Nur bei Erstpräparationen oder anhaltenden Schneefällen spuren wir tagsüber, in der Regel aber nachts, dann sieht man die Konturen im Schnee besser“, erklärt der vierzigjährige Forstwirt. „Sonnenlicht und glitzernde Schneekristalle erschweren die Sicht enorm, stundenlanges Spuren im Schritttempo wird dann zur echten Tortur“, ergänzt er.

Nächtlich grüßt das Murmeltier
Sobald 25 bis 30 Zentimeter Schnee auf den Hochlagen liegen, werden die Loipen präpariert. Sein Kollege Michael Albrecht tut das auf den Loipen im nördlichen Nationalpark. Gaiser spurt jede Nacht die Routen vom Seibelseckle bis zur Alexanderschanze – auch ein Gebiet außerhalb des Nationalparks rund um Oppenau. Dass er immer auf derselben Tour unterwegs ist, stört den Baiersbronner nicht. Panoramaausblicke zählen im Dunkeln schließlich nicht. Außerdem kennt er sein Terrain, weiß genau, welcher Steigungswinkel unter einer Pulverschneedecke lauert und wo er mit dem Pistenbully möglicherweise abrutschen könnte. Schnee und Kälte sind auch kein Thema: Sitz- und Standheizung im Bully sowie ein gut isolierter Overall sorgen für wohlige Wärme, selbst bei deutlich zweistelligen Minusgraden. Läuft alles normal, ist seine Nachtschicht nach acht bis zehn Stunden beendet. Bei anhaltendem Schneefall kommt es aber vor, dass er am Ende seiner Runde erneut beginnen muss. „Dann melde ich mich zu Hause ab, besorge mir tiefschwarzen Kaffee und setze mich wieder in den Pistenbully“, erzählt er pflichtbewusst.

Schneewehen und Schneebruch
Muss Gaiser Hindernisse in und neben der Spur beseitigen, dauert die Nachschicht mit 16 bis 18 Stunden bis weit in den Vormittag. Mannshohe Schneewehen oder Bruchholz lassen sich prima mit dem Schild des gut acht Tonnen schweren Pistenbullys wegschieben oder mit der Seilwinde entfernen. Doch der Januar 2019 setzte neue Maßstäbe: „Der Winter kam spät, aber heftig“, erinnert sich Bernd Schindler, Leiter des Loipenteams und Gebietsleiter, Hoher Ochsenkopf im Nationalpark. „Auf Nassschnee an Dreikönig folgte Eiseskälte und massenhafter Schneebruch.“ Baumstämme, Äste und unzählige Baumwipfel blockierten nahezu alle Loipen. Schwerbeladene Äste mussten entfernt werden, um Hauptzufahrtsstraßen sicher befahrbar zu machen. „Es dauerte mehr als zwei Wochen, bis die Gefahr gebannt war“, erinnert sich Schindler, denn mit nassem Schnee beladene Äste und Baumwipfel erreichen bis zum Zehnfachen ihres eigentlichen Gewichts. Nicht jeder im Loipenteam kann ein Raupenfahrzeug gekonnt lenken. Dazu benötigt man viel Erfahrung im Umgang mit Großmaschinen, fahrerisches Können und technisches Grundverständnis. Kleine Reparaturen erledigen die beiden Loipenspurer selbst. Falls nötig in der Spur, spätestens aber direkt nach der Nachtschicht, um das Arbeitsgerät für die nächste Nacht wieder fit zu machen.

von links: Madeleine Fitterer (einzige Frau im Team), Bernd Schindler (Leiter Loipenteam), Michael Albrecht (Maschinenführer), Roland Maurer (Maschinenführer), Klaus Faisst (Baiersbronn-Tourisitk), Reinhard Schmälzle, (BGM Seebach und Vorsitzender des Vereins Schwarzwaldhochstraße), Tim Tschöpe. Seit Winter 2014/2015 kümmert sich das Loipenteam um das Spuren der Loipen und Walzen der Rodelhänge und Wanderwege im Nationalpark.

Inversionswetterlage mit Invasionsfolge
Solche Unwetterszenarien sind die Ausnahme – noch. Häufiger hat das Loipenteam mit den Folgen der Inversionswetterlage zu kämpfen, also wenn die Temperatur in den höheren Luftschichten wärmer und das Rheintal vernebelt ist. Dann locken Sonne und weiß-blaue Postkartenpanoramen Massen an Ausflugsgäste in die Hochlagen des Schwarzwalds. Viele Wanderer oder Schneeschuhläufer laufen dann nicht auf den für sie ausgewiesenen und gewalzten Wanderwegen, sondern auf den Loipen. Sie treten die Spuren platt und erhöhen damit die Risiken für Langläufer, in einer Abfahrtskurve aus der Spur zu fliegen oder sogar mit ihm zu kollidieren. Gaiser selbst bezahlt diese Sorglosigkeit mit nächtlichen Überstunden. „Plattgetretener Schnee ist stärker verdichtet und nachts, wenn ich fahre, wieder gefroren“, erklärt er. „Dann dauert es oft drei bis vier Stunden zusätzlich in den Schnee bis zu zwanzig Zentimeter tief zu fräsen und die Spur neu zu legen.“

Respekt und Rücksicht, genießen und gönnen
Um dem Besucherstrom untertags zu entkommen, verlegen manche Freizeitsportler ihre Trainingseinheiten in die Nacht. Mit Stirnlampen ausgerüstete Langläufer, seit Neuem sogar Fatbiker, begegnen Gaiser mittlerweile nachts auf der Loipe, grüßen höflich und zerstören gleich darauf die noch lockere Spur, die er Minuten zuvor hinter sich bearbeitet hat. Arglosigkeit hier, Rücksichtslosigkeit dort: Mittlerweile verabreden sich ganze Gruppen von Rowdies im Nationalpark und rasen mit Pickups und Quads über die Loipen. Bleibt ein Fahrzeug stecken, schrauben sie das Nummernschild ab und bergen den PKW wenige Stunden später. Halter und Verursacher können so nur schwer ermittelt werden. Es dauert Tage, diese Zerstörungswut wieder zu korrigieren. Das Loipenteam wäre dankbar, wenn Anwohner und Gäste Augen und Ohren offen halten und Hinweise weiterreichen. Bernd Schindler appelliert ebenfalls an Rücksicht und Verständnis aller Wintersportler füreinander: „Wir können im Nationalpark leider keine weiteren Strecken ausweisen, das Gebiet ist begrenzt“, betont er. „Die Ruhe und Natur selbst genießen und den anderen das auch gönnen ist der Schlüssel“, ergänzt er, „und das passt doch letztlich auch zum Grundgedanken eines Nationalparks.“

Wichtige Arbeit abseits der Spur
Noch während seiner Tour, spätestens aber am Ende der Nachtschicht, hinterlässt Sven Gaiser einen detaillierten Bericht auf dem Anrufbeantworter der Leitstelle darüber, welche Loipen präpariert und in welchem Zustand sie sind. Die Informationen müssen bis sechs Uhr morgens vorliegen. Forstwirtin Madeleine Fitterer ist dann eine von vier Mitarbeitern des Teams, die diese Informationen in Textform packen und in Online-Portalen der Schwarzwaldforen und des DSV einstellen. Außerdem versorgt sie alle Nationalpark-Player, auch die Touristinformationen der Anrainergemeinden, mit diesen Daten. Bis acht Uhr in der Früh ist alles für jeden einsehbar. Bernd Schindler und sein Team verbringen täglich viel Zeit damit, die Wetterlage zu studieren sowie Einsatzgeräte, Arbeitszeiten und Rufbereitschaft danach zu koordinieren. „Es ist viel Engagement und vorausschauendes Arbeiten, aber vor allem ein Team, das Hand in Hand arbeitet, nötig, um diesen Service und ein kostenfrei und für jeden zugängliches Loipennetz zu bieten“, sagt Schindler stolz. Kommt seine Mannschaft an Grenzen, freut er sich über freie Mitarbeiter und Unternehmer, die einspringen, wenn Not an Mann und Maschine ist. Schließlich kümmert sich das Loipenteam auch um das Walzen der beiden Rodelhänge und der Zufahrts- und Wanderwege im Nationalpark. Trotz allem bleiben Strecken an manchen Tagen gesperrt. Sicherheit geht eben vor – die der Waldbesucher, aber auch die des Loipenteams. Leider häufig zum Unverständnis mancher Freizeitsportler, beklagt Schindler.

Reichlich Arbeit – das ganze Jahr über
Teil des Loipenteams zu sein ist fast eine Ganzjahresbeschäftigung. Die Winter dauern oft bis weit ins Frühjahr hinein. Im Sommer befüllt das Loipenteam die Depots und prüft das Werkzeug, mit dem die Fahrzeugführer kleinere Reparaturen selbst durchführen. Auch die Loipenstrecken werden inspiziert, ob Reparaturen an den Wegen nötig sind oder gefährliche Bäume entfernt werden müssen. Nur so kann es beim ersten Schneefall gleich ohne Verzögerung mit dem Spuren losgehen. Für den großen Kundendienst an den Pistenbullys bestellt Bernd Schindler externe Fachleute der Hersteller, die unter den Augen des Teams arbeiten und dessen Fragen beantworten. Die Fahrzeuglenker des Loipenteams sind allesamt Forstprofis. Im Sommer suchen sie regelmäßig die Managementzone des Nationalparks nach Bäumen mit Borkenkäferbefall ab, fällen sie und lassen so dem Borkenkäfer keine Chance, in benachbarte Nutzwälder zu gelangen. Diese Sommerarbeiten geschehen selbstverständlich tagsüber – sehr zur Freude von Sven Gaisers Frau und Tochter. Doch auch wenn der Winter seinen Lebensrhythmus auf den Kopf stellt, freut er sich schon im Sommer auf seine nächtlichen Einsätze, auf die Schneewehen in der Gaiskopfloipe, seinem Lieblingsterrain, die er mit dem Schild wegdrücken darf. „Das ist einfach nur geil“, sagt er mit fast kindlicher Begeisterung.

Zusatzkasten: Ein Pistenbully kostet zwischen etwa 200.000 Euro; größere Reparaturen und Anschaffungskosten für Ersatzteile gehen bei diesen Maschinen gleich in vierstellige Bereiche. Eine gute Pflege ist deshalb unverzichtbar. Dennoch geht die hohe Dauerbelastung an den zweifellos robusten Raupenfahrzeugen nicht spurlos vorbei. Im letzten Winter wurde ein neuer Pistenbully angeschafft (siehe Bild), doch für Bernd Schindler ist es nur eine Frage von wenigen Wintern, bis der zweite ebenfalls ersetzt werden müsse. Das Nationalparkteam freut sich deshalb über Spenden, die spontan anfallende Kosten abfedern helfen, sei es von Skisportvereinen oder Privatpersonen, die diesen kostenfreien Service zu schätzen wissen.

Aktuelle Ausgabe Herbst / Winter 2019

Dez 12, 2019 - Do
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