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Borkenkäfermanagement

Den Pufferstreifen im Blick behalten

Das Borkenkäfermanagement ist von Beginn an im Nationalpark implementiert. Thomas Waldenspuhl, der gemeinsam mit Wolfgang Schlund seit 2014 den Nationalpark leitet, hat es von Anfang an mit begleitet. Vor seinem Wechsel an die Nationalparkspitze verantwortete Waldenspuhl die Abteilung Wald und Gesellschaft in der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt des Landes in Freiburg.

Warum braucht der Borkenkäfer ein Management?
Der Nationalpark ist ein Schutzgebiet mit dem Ziel, die Natur Natur sein zu lassen – das nennt man Prozessschutz. Der gilt für alles, was darin wächst und lebt, auch für den Borkenkäfer. Der Borkenkäfer gehört zur Fichte wie das Amen in der Kirche. Deshalb sind Borkenkäfer und Fichte zwei untrennbare Begleiter. Der Borkenkäfer spielt im Nationalpark sogar eine wichtige Rolle auf dem Weg zu einem wilderen Wald. Nach einem Befall dürfen Bäume sterben, zerfallen und in der Erde wieder zu Humus werden. Dieser natürliche Prozess ist Ziel des Nationalparks – in seinem Werden, Wachsen und Vergehen. In Wirtschaftswäldern ist der Borkenkäfer aber ein Schädling, dort bestimmt er den Erntezeitpunkt. Und der kommt für die Waldbesitzer meist zu einer Unzeit, nämlich dann, wenn durch seine Massenvermehrung ohnehin sehr viel Borkenkäferholz verfügbar ist und der Preis pro Festmeter sehr niedrig liegt.

Was bewirkt das Borkenkäfermanagement genau?
Es verhindert den Einfluss des Nationalparks auf die angrenzenden Wirtschaftswälder. Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft weiß man, dass dies zu schaffen ist. Untersuchungen belegen, dass der Borkenkäfer den nächsten Baum in der Regel im Umkreis von 100 bis 200 Metern aufsucht. Deshalb ist nach Stand der Wissenschaft ein 500 Meter breiter Pufferstreifen um den Nationalpark inklusive einer intensiven, wöchentlichen Kontrolle völlig ausreichend. Das ist ein komfortabler Sicherheitsabstand zu den angrenzenden Wirtschaftswäldern.

Ist denn der Nationalpark stärker befallen als die anderen Wälder?
Nicht unbedingt. Die Wirtschaftswälder um uns herum haben zum Teil viel größere Probleme mit dem Borkenkäfer. Das liegt im Wesentlichen daran, dass gut ein Drittel unserer Fläche über 800 Meter liegt, wir nur sechs Grad Durchschnittstemperatur haben und gut 2.200 Millimeter Niederschlag jährlich. Das ist zu kühl und zu nass für den Borkenkäfer. Im Vergleich dazu hat das sonnige Rheintal 600 bis 700 Millimeter Jahresniederschlag und durchschnittlich über zehn Grad Celsius. Das sind bessere Bedingungen für den Borkenkäfer, er mag es warm und trocken.

Ist es mit dem Pufferstreifen allein getan?
Nein, er ist weiter unterteilt. In Summe umgeben den Nationalpark 5.683 Hektar Pufferstreifen. Davon zählen 2.212 Hektar zum Nationalpark. Sie sind aufgeteilt in 22 Claims, die unsere Teams wöchentlich begehen. Ihre Größe hängt davon ab, wie geländegängig oder unwegsam sie sind. Deshalb variiert sie von 30 Hektar bis zu 266 Hektar. Die restlichen 3.471 Hektar Pufferstreifen zählen 27 Claims. Sie werden von unseren Kolleginnen und Kollegen von ForstBW abgelaufen. Alle Pufferstreifen grenzen an Staats- oder Kommunalwald. Privatwälder grenzen nicht an. Sie sind in das Borkenkäfermanagement deshalb nicht einbezogen.

Was genau passiert bei den Begehungen?
Bei uns im Nationalpark werden die Claims regelmäßig von Waldarbeitern begangen. Für das Monitoring hat jeder Waldarbeiter ein Tablet dabei, auf dem die Luftaufnahme des Claims zu sehen ist. Die Karte zeigt exakt an, wo er sich gerade befindet. Sieht ein Waldarbeiter anhand typischer Anzeichen wie Bohrmehl oder Harzaustritt, dass ein oder mehrere Bäume vom Borkenkäfer befallen sind, markiert er sie – sowohl die Bäume selbst als auch den Baumstandort auf dem Tablet. Außerdem gibt er auf dem Tablet auch das Stadium des Befalls ein, damit die Dringlichkeit der Aufarbeitung abschätzbar wird.

Was passiert mit den Daten?
Sie werden gespeichert und sofort an eine Zentrale gemeldet. Diese Zentrale erhält die Daten aller Claims. Die gesammelten Werte werden an die zuständigen Stellen durchgereicht, die im Anschluss Unternehmen oder Waldarbeiter damit beauftragen, diese Bäume einzuschlagen und das Holz an die Waldstraße zu bringen. Von dort wird es aus dem Pufferstreifen abtransportiert und verkauft. Ist das nicht sofort möglich, können wir das Holz auch häckseln. Die Liegezeit im Pufferstreifen ist nie lange.

Wie groß ist das Zeitfenster zwischen Meldung und Fällen?
Zwei Wochen. Von dem Moment an, in dem der Baum markiert ist, tickt die Uhr. Wenn man weiß, dass der Borkenkäfer zwischen sechs bis zehn Wochen braucht, um sich zu entwickeln, erscheint das recht übereilt. Doch das ist es nicht. Schließlich ist es auch möglich, dass bei der Begehung in der Woche davor ein Baum nicht sofort aufgefallen ist. Um ganz sicher zu sein, dass der Befall nicht weiterwandert, ist das Zeitfenster von der Markierung bis zum Fällen kürzer gewählt.

Das klingt nach „Praxistest bestanden“?
Ja, das ist so. Wir hatten in den letzten drei Jahren sehr niedrige Festmeterzahlen an Borkenkäferholz aus dem Pufferstreifen im Nationalpark. 2017 waren es rund 3.000, 2018 gut 4.000 und 2019 knapp 5.200. Das ist wirklich nicht viel angesichts der Massenvermehrung des Borkenkäfers in der Region. Gerade im Vergleich zu tiefer gelegenen und wärmeren Regionen in Baden-Württemberg. Wir haben einfach ein gutes Team. Unsere Claim-Verantwortlichen riechen den Borkenkäfer fast schon. Ihre Treffgenauigkeit erinnert fast an Spürhunde. Das ist beeindruckend. Und es zeigt, dass die Pufferstreifen gerade in den kritischen Jahren 2018 und 2019 den Praxistest bestanden haben.

Wieso wird das andernorts nicht so umgesetzt?
Wir haben die Ressourcen im Nationalpark, wir müssen sie auch bereitstellen, um unseren Nachbarn diese Sicherheit zu geben. Forst-BW hat diese Ressourcen für ihre Claims auch. Doch dieses engmaschige Arbeiten ist natürlich nicht auf das ganze Land übertragbar. Zumindest nicht, was die Manpower und die Logistik des Holzabtransports anbelangt. Aber diese Entwicklung des Borkenkäfermanagements für den Pufferstreifen in den Jahren 2014 und 2015 war und ist ein Pilotprojekt für das ganze Land, insbesondere mit Blick auf die Tablets. Die sollen nun landesweit eingesetzt werden. Es macht Forst-BW und uns stolz, dieses Pilotprojekt gemeinsam entwickelt und erprobt zu haben. Das Programm für die Tablets wurde von Forst-BW beauftragt und maßgeblich entwickelt und ist bei uns im Nationalpark als Pilot getestet worden.

Ein gutes Stichwort: Auch das Borkenkäfermanagement sollte Sie stolz machen…
Ja, das tut es. Aber es würde alles nicht so gut funktionieren ohne unser tolles Team, unsere engagierten Waldarbeiter, die Zusammenarbeit mit der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg, für die wir das perfekte Versuchsgelände sind und natürlich die enge Zusammenarbeit und Kooperation mit den Kolleginnen und Kollegen von Forst-BW. Es funktioniert durch eine tolle Teamleistung aller Player. Und das darf alle stolz machen.

Aktuelle Ausgabe Herbst / Winter 2019

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