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Großsäuger im Nationalpark?

Kann es für Wisente eine Zukunft im Schwarzwald geben?

Auch große Wildtiere gehören zum Themenkomplex Entwicklung des Nationalparks Schwarzwalds.

Welche Tiere gibt es dort und welche Tiere könnte es geben?
Aber auch welche gehören dort hin? Und zu welcher vorstellbaren „Natürlichkeit“ wollen wir zurück oder vorwärts, wenn wir an ein fiktionales Gebilde wie den Nationalpark Schwarzwald denken? Um diesen Themenkomplex kommt man zwangsläufig nicht herum, wenn man sich mit der Entwicklung des Nationalparks Schwarzwald beschäftigt. Freundeskreis-Mitglied Walter Hornbach hat sich darüber Gedanken gemacht und berichtet auch über eine Reise nach England und die Suche nach Wildpferden.

In einer nicht zu weit zurückliegenden Vergangenheit gehörten zu einer Landschaft wie dem Schwarzwald natürlich vor allem auch Großsäugetiere, die mit ihrem Fraßverhalten das Gesicht einer solchen Landschaft in entscheidender Weise prägten. Also könnten doch auch Wisente und Wildpferde zum Nationalpark passen, wie sie ehedem zu diesem Gebiet dazu gehörten.

Wildpferde, gibt es die überhaupt noch in Mitteleuropa? Tatsächlich leben in England einige Populationen wilder Pferde, Exmoore Ponys oder Dartmoore – und eben New Forest Ponys, um nur einige zu nennen.

Es ist wohl müßig sich zu fragen, ob die Exmoore Ponys, die Dülmener, die Huzulen oder die Przewalskis und die Koniks noch echtes Wildpferdeblut in sich tragen oder allesamt in Wahrheit nur noch verwilderte Hauspferde sind, wie die neueste Forschung annimmt. Wir wollten also die New Forest Ponys in der Nähe von Salisbury begutachten, mit Sicherheit eine der weniger wilden Wildpferde, weil im Mittelalter kräftig hineingekreuzt wurde, waren aber darauf gefasst, dass wir in dem angegebenen Gebiet, wenn wir Glück hätten, nur einige wenige von Ferne besichtigen könnten. Dann kam aber nach der nächsten Kurve ein riesiges Schild „Watch out, animals on Road, day and night!“ und gleich dahinter quer über die Straße ein Sperrgitter als Überquerungshindernis für Huftiere. Gleich dahinter standen schon zwei Pferde am Straßenrand, gemächlich vor sich hin grasend, und vor uns erstreckte sich bis zu einer fernen Erhebung weites Grasland, durchzogen von niedrigem Gehölzgruppen, ähnlich unseres Grindenbandes, und besetzt mit kleineren Pferdeherden. Pferde soweit das Auge reichte. Dicke, trächtige, kleine, dünne, junge und alte, klapprige. Alles was so ein Pferdeleben hergibt.

Aber nochmal zurück zur Frage, wie wild sie sein müssten und ob das eine Rolle spielt? Genetisch gesehen, sind auch die Przewalskipferde, von denen man annahm, dass sie echte Wildpferde sind und die Vorfahren der Botaipferde, einer steinzeitlich, bronzezeitlichen Pferderasse, nur deren Nachkommen. Und die Botaipferde waren aber mit recht großer Sicherheit Hauspferde. Es wurden bei archäologischen Ausgrabungen in der sibirischen Steppe genügend Knochen gefunden, um das bestätigen zu können. Der wahre Vorfahre unserer heutigen Pferde wurde also noch nicht gefunden. Es wird mal wieder klar, dass wir wenig wissen. Sicher ist wohl aber schon, dass es sich um ein eurasisches Pferd gehandelt haben muss, irgendwo zwischen Ungarn und dem Iran zuhause, und dass es sich gut zum Zähmen geeignet haben musste. Ob uns unsere wilden, heutigen Arten also wild genug sind, ist keine wissenschaftlich, sondern eine ethische Frage oder auch eine Frage der willkürlichen Festlegung. Ähnliches lässt sich ja vielleicht auch über die Wildheit des Nationalparks insgesamt sagen. Ähnlich sieht es mit den Wisenten aus, den europäischen Vettern des amerikanischen Bisons.

Die heutige Population ist eine Kreuzung aus Bergwisent und Flachlandwisent. Nach dem ersten Weltkrieg drohten sie vollends auszusterben. Der letzte wilde Bulle, ein Bergwisent, wurde in den 20er Jahren im Kaukasus geschossen. Danach gab es nur noch einen Bergwisentbullen, der es geschafft hatte, so lange am Leben zu bleiben, bis er sich mit einigen Zoowisentkühen und Flachlandkühen paaren durfte! Die entstammten einer Population, die auch nur zwölf oder 20 Exemplare zählte. Die heutigen frei lebenden Wisente stammen also allesamt von ausgewilderten ab und noch dazu von einer bedenklich geringen Zahl reiner Wisente. Sicher ist allerdings, dass es sich um das größte landlebende Wildtier handelt, das es in Europa gibt.

Das Problem ist also tatsächlich die recht schmale Vererbungslinie auf Grund der wenigen Exemplare, auf die die heutige Population zurückgeht. Zurzeit sind es etwa 7000 Tiere, vor allem in Polen, Rumänien und Spanien. Die wenigen frei lebenden Wisente, mit Sicherheit unter dreißig, die es in Deutschland gibt, fallen da kaum ins Gewicht.

Im Nationalpark Schwarzwald würden sich da vor allem die Grindenflächen als Lebensraum anbieten. Dabei muss dann natürlich, was z.B. für die Hirsche gilt, auch für Wisente gelten. In einem Papier des NPS (National Park Service) mit dem Namen „Schutz der Tiere und der Nachbarn“ heißt es: „Raumbeanspruchende Säugetiere, seien es Elefanten oder Rothirsche, müssen immer auf Populationsebene betrachtet und behandelt werden. Es gibt weltweit kaum ein Schutzgebiet, bei dem Wildtiere nicht saisonal oder sogar täglich das Schutzgebiet verlassen und in das angrenzende bewirtschaftete Land ziehen. Hierbei kann es zu wirtschaftlichen Einbußen durch Schäden in der Land- und Forstwirtschaft kommen. Diese Problematik kann niemals vom Schutzgebiet alleine gelöst werden, sondern nur in enger Zusammenarbeit mit den Anrainern und unter Betrachtung des gesamten Lebensraums der jeweiligen Wildtiere.“ Man müsste es also wollen! Sowieso käme zunächst wohl eher nur ein begrenzter Lebensraum von vielleicht 40 bis 50 ha in Frage, in dem sich die zu erwartenden Fragen beantworten ließen. Wie realistisch wäre also folglich eine Ansiedlung von Pferden und Wisenten?

Neben sofort ins Auge fallenden Problemen, wie der Anzahl der Tiere und der damit einhergehenden Zerstörung von Hochmoorhabitaten, oder der Toleranzgrenze der Anrainer, gibt es natürlich auch jede Menge haltungsspezifische Fragen zu lösen. Es werden ohnehin keine einfachen und schnellen Lösungen möglich sein, jedoch ist eine fachliche Begleitung unabdingbar, wobei es sicherlich Wissenschaftler gibt, für die das eine spannende Aufgabe wäre. Die Überlegung, Großsäuger anzusiedeln, könnte also sicher langsam entwickelt werden, auch hinsichtlich der Geländegröße. Hinsichtlich des Nationalparkgedankens wäre es natürlich schöner, es würde sich Richtung Ganzjahresbeweidung entwickeln. Und für einen Nationalpark, der sich an einem Naturgedanken mit möglichst wenig Einmischung orientiert, müssten Großsäuger eigentlich dazu gehören.