Familie Magazin Menschen Natur Touren

Nationalpark-Leiter Dr. Wolfgang Schlund Verabschiedet sich vorzeitig in den Ruhestand

Tausch der Kommandobrücke

Selten war das berühmte Zitat von Antoine de Saint-Exupéry zutreffender als bei Dr. Wolfgang Schlund, dem Wegbereiter und langjährigen Leiter des Nationalpark Schwarzwald. „Wenn Du ein Schiff bauen willst“, sagte der französische Schriftsteller Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, „dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Dieser Sehnsucht hat Schlund jetzt nachgegeben und die Kommandobrücke eines für Baden-Württemberg einzigartigen Projekts vorzeitig verlassen. Die Weite des Meeres ist es in der Tat, die ihn zu diesem überraschenden Schritt bewogen hat. Gemeinsam mit seinem voll – jährigen Sohn Lukas möchte er dieses Jahr und ab dem nächsten Jahr zusammen mit seiner Frau Friederike zu einer längeren Segelreise auf seiner 14-Meter-Yacht aufbrechen. „Wo uns die Reise hinführt, ob es vielleicht sogar eine Weltumsegelung wird, weiß ich nicht, das wird man sehen. Aber jetzt habe ich mir und meiner Familie einen Lebenstraum erfüllt.“

Da sitzt er nun in seinem Büro in der alten Villa am Ruhestein, das ihm in den zurückliegenden Jahren zur zweiten Heimat geworden ist, und zählt die Tage bis zu seiner Demission. Nicht aus Ungeduld oder weil er es nicht abwarten kann, sondern weil er weiß, dass eine bedeutende Ära in seiner Vita unweigerlich zu Ende geht. Das berühmte lachen – de und weinende Auge. Es ist klirrend kalt draußen, als wir Anfang Februar das Gespräch führen. Der Blick durch die Sprossenfenster zeigt eine wunderbare Winterlandschaft und ermöglicht einen Blick auf das neue Besucherzentrum, das Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Oktober letzten Jahres eingeweiht hat. Die Fertigstellung dieses Leuchtturmprojekts markiert in gewissem Sinne auch für Schlund ein wichtiges Etappenende. Seht her, könnte man ausrufen angesichts des zumeist aus Holz gefertigten architektonischen Glanzstücks, der Nationalpark ist endgültig angekommen in der Region. Auch das war für Schlund wichtig, ehe er die Kommandobrücke verlassen konnte. Keine halben Sachen.

Der Weg dorthin war indes ein durchaus steiniger und nicht auszudenken, hätte an Schlunds Stelle ein politischer Hau- drauf gesessen. Anfeindungen, Polemik, Fake-News die Gegner des Nationalparks zogen so ziemlich alle Register – oberhalb und unterhalb der Gürtellinie. Rückblickend sagt
Schlund, dass er trotz seiner Überzeugung in der Sache immer auch Verständnis für die Zweifler und Kontrahenten hatte. „Für sehr viele Bürger bedeutet der Nationalpark ein Wechsel in ihrem Verständnis zum Wald, den man über Jahrhunderte wirtschaftlich genutzt hatte und auch zum Überleben nutzen musste. Da war viel Angst vor dieser Veränderung im Spiel“. Hier half Schlunds besonnene Art. Er ging auf Menschen zu, versuchte zu überzeugen und nicht zu verordnen, ließ sich nicht anstecken von Impulsivität oder gar Aggression. Man kann es nicht genau bewerten, aber vermutlich hat gerade Wolfgang Schlund als Frontmann des damaligen Ministers Alexander Bonde durch seine unpolitische und sachliche Art dafür gesorgt, dass die damals klaffenden Gräben inzwischen weitestgehend zugeschüttet sind. Nur einige wenige Narben sind geblieben. „Es gab ein paar Nationalpark-Gegner“, sagt Schlund, „denen ich privat freundschaftlich verbunden war, die haben bis heute leider komplett mit mir gebrochen“. Erlebnisse dieser Art nennt er „die größte Enttäuschung auf dem Weg zum Nationalpark“, weil der Streit um eine Sache persönliche Bande zerstörte.

So kräftezehrend der Weg zum Ziel auch gewesen war, so tief war die Befriedigung in der entscheidenden Sitzung des baden-württembergischen Landtags im November 2013 gewesen, als das Parlament die Gründung des Nationalparks beschloss. Weit weg von Triumphgeheul hatte sich die kleine Gruppe der ersten Stunde im Landtag eingefunden, erfüllt von einer wohltuenden Leere, erinnert sich Schlund. „Das war beruflich mein emotionalster Moment. Wir haben allen Widrigkeiten zum Trotz zu Ende geführt, wofür wir aus tiefer Überzeugung gekämpft haben“.

Begonnen hatte Schlunds Weg zum Nationalpark im weitesten Sinne bereits 1996, als er beauftragt wurde, das Naturschutzzentrum auf dem Ruhestein aufzubauen. Die alte, 1909 erbaute Jugendstilvilla der Hoteliersfamilie Klumpp, vom Land 1994 erworben, wurde fortan Dreh- und Angel – punkt des Naturschutzes im Schwarzwald – und Schlund so etwas wie das Gesicht dieser Entwicklung. Die ersten Überlegungen zu einem Nationalpark Anfang der 1990-er Jahre habe er noch aus der Distanz verfolgt, erinnert sich Schlund; sie wurden auch alsbald wieder begraben. Als die Idee aber im Jahr 2010, namentlich durch den obersten Touristiker im Land, Andreas Braun, reaktiviert wurde, steckte Schlund plötzlich mittendrin. Als der NABU ein Screenning zu einem möglichen Nationalpark auf den Tisch legte, wurden sowohl das Naturschutzzentrum als auch die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg um Expertisen gebeten. Und als der Regierungswechsel im Land Alexander Bonde zum Umweltminister machte, wurde das ebenso ehrgeizige wie umstrittene Projekt zur Chefsache. „Bonde rief bei mir an – und so ging‘s los“.

Schiff ahoi! Dr. Schlund und Sohn Lukas

Einige seiner Mitstreiter von damals standen bis zuletzt an seiner Seite. Zuvorderst Dr. Thomas Waldenspuhl, mit dem er sich von Anfang an die Direktionsaufgaben im Nationalpark teilte und der nach Wolfgang Schlunds Abgang die komplette Verantwortung für die Sonderbehörde übernommen hat. Dann Ranger-Urgestein Charly Ebel, Dr. Marc Förschler, Sönke Birk, Dr. Britta Böhr, Andreas Müller oder Dr. Simone Stübner. „Aber“, hebt Schlund abwehrend die Hände, „diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich bin dem gesamten Team dankbar“. Als besonders bedeutsam habe sich im Nachhinein auch die Gründung des Freundeskreises Nationalpark Schwarzwald herausgestellt. „Das war für die Entwicklung wichtig, weil damit unsere Bestrebungen auf eine bürgerliche und nicht nur auf politische Ebene gestellt worden waren“, sagt Schlund. Diese Arbeit von Menschen, zumeist aus der betroffenen Region, deren Engagement nachweislich nicht politisch motiviert war, habe enorm zum heutigen Miteinander beigetragen. Ein Bild in Schlunds Büro erinnert an die Anfänge. Aufgenommen im Oktober 2011 zeigt es einen zehnjährigen Jungen hinter einem Transparent zum Nationalpark. Es war die erste offizielle Nationalpark-Veranstaltung in Bad Wildbad. Der Bub ist Schlunds Sohn Lukas. „Er ist mit dem Nationalpark erwachsen geworden“.

Mit ihm geht er jetzt also auf große Reise. Sinnigerweise lernt Lukas Schiffsbau in Lübeck; er kann also Hand anlegen, wenn’s klemmt. Gemeinsam haben sie das 2016 erworbene Schiff renoviert und hochseetauglich gemacht. Die große Fahrt in einen neuen Lebensabschnitt kann beginnen. „Ich werde bald 60 und bin fit und gesund. Niemand weiß, wie lange das so bleibt“, sagt ein nachdenklicher Schlund. Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) habe für diesen Schritt größtes Verständnis gezeigt. Auch er legte seinen Ministerposten ab, um sich seinem Leben zu widmen. „Nicht mehr fremdbestimmt sein“, sinniert Wolfgang Schlund, „sondern nach seinen eigenen Vorstellungen den Tag gestalten“.

Zurück bleibt ein Nationalpark, von dem man inzwischen behaupten kann, dass er in der Region angekommen ist. Der Nationalparkdirektor hat gemeinsam mit seinem Kollegen Waldenspuhl maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung. Das Feld ist bestellt und die Wünsche, die Schlund für den Nationalpark noch hat, müssen jetzt andere erfüllen. „Ich hoffe, dass die Lücke zwischen den beiden Parkteilen irgendwann geschlossen wird und das beschlossene Verkehrskonzept auch Wirkung zeigt“, denn noch sei der Anteil des Individualverkehrs deutlich zu hoch. Und dass der Park noch eine Spur wilder werden wird, dafür sorgt die Zeit.

Und zuletzt hofft Schlund, dass der Teamgeist in der inzwischen doch vielköpfigen Nationalparkverwaltung erhalten bleibt. Diesen Spirit hat Wolfgang Schlund befeuert, weil er ihn vorgelebt hat. Die Kollegen sagen, er sei frei von Eitelkeiten, humorvoll und stets optimistisch, er sagt, es entspreche nicht seiner Überzeugung, Hierarchien durchzusetzen. Also hat sich eine schlagkräftige Mannschaft gebildet, die einzigartig zusammenspielt und deren Kapitän nicht Dr. Schlund heißt, sondern einfach nur Wolfgang.