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Zu Baden-Baden gehört auch der Nationalpark

Baden-Baden ist eine Kulturmetropole im Südwesten. Kurbäder, Museen, Festspielhaus, Rennbahn oder Casino – dafür ist die Stadt bekannt und beliebt bei Einheimischen und Touristen. Doch Baden-Baden hat auch eine wilde Seite: Ein Teil der Kernzone des Nationalparks befindet sich auf der Gemarkung des mondänen Ortes. Ein Gespräch mit Oberbürgermeisterin Margret Mergen über Waldnatur, Schwarzwaldhochstraße und wieso der Nationalpark wichtig ist für die Stadt.

Frau Mergen, Sie wurden Oberbürgermeisterin, da war der Nationalpark gerade einmal sechs Monate alt.
Genau. Meine erste Begegnung mit dem Nationalpark war auf einer unserer Waldbereisungen. Das ist unser Begriff für den Besuch des Gemeinderates im Wald. In anderen Städten heißt das Waldbegehung, aber weil unser Wald zu groß ist, fahren wir tatsächlich mit einem Stadtbus zum Startpunkt einer Begehung. Und meine erste Waldbereisung ging direkt in den Nationalpark. Da zeigte uns Jörg Ziegler, der Leiter des Forstfachbereichs des Nationalparks, das Borkenkäfermanagement. Ich fand es hoch spannend, wie viel Mühe sich die Verantwortlichen machen, die Entwicklung in den Randbereichen des Parks zu erkennen und konsequent zu bekämpfen. Denn der Borkenkäfer ist für den Nationalpark ja egal, das ist Natur, das gehört dazu. Aber leider kennt der Borkenkäfer die Grenzen nicht.

Wenn Sie zurückdenken, welche Fragen rund um den Nationalpark standen im Mittelpunkt?
Es gab natürlich die Frage, ob Waldschädlinge aus dem Park auf die angrenzenden Wälder übergreifen können. Und viele fragten sich auch, ob sich am Wald als Ort der Erholung etwas ändern würde. Gerade auch die Badener Höhe, als höchster Punkt der Gemarkung, stand im Zentrum der Überlegungen: Dürfen wir noch auf unsere Badener Höhe, wenn das jetzt Nationalpark ist? Von amerikanischen Besuchern bin ich dagegen ganz selbstverständlich gefragt worden, wann denn die Öffnungszeiten des Parks seien. Für die Amerikaner ist es ungewohnt, dass unser Wald immer zugänglich ist, 24 Stunden, 365 Tage im Jahr. Etwas, das wir wie selbstverständlich nehmen.

Gab es Wünsche für den Baden-Badener Teil des Nationalparks?
Uns war die Wiederherstellung des Adlerhorstes wichtig. Diese Plattform am Wildnispfad hoch oben in den Baumkronen war sehr beliebt bei Familien. Leider musste die Konstruktion aus statischen Gründen zurückgebaut werden. Im letzten Jahr nun ist der neue Adlerhorst eingeweiht worden: Eine tolle Holzkonstruktion, da kann man sich reinlegen und den Blick in die Baumkronen richten. Und wenn man sehr ruhig ist, spürt man auch das Schwanken der Bäume. Ich finde, hier verschmilzt man ein bisschen mit dem Wald, man ist dann weg vom Boden, vom Alltag.

Und sind noch Wünsche offen?
Für die Zukunft haben wir tatsächlich noch einen Wunsch: Wir würden ganz gerne sehen, dass in einem ehemaligen Waldarbeiterhaus am Plättig eine Rangerstation eingerichtet wird. Hier gibt es sonst wenige Möglichkeiten für die Nationalpark-Ranger, sich beispielsweise mit Schulklassen zurückzuziehen, wenn es draußen ungemütlich wird. Das Haus würden wir dem Nationalpark für einen symbolischen Euro gerne überlassen. Der notwendige Umbau wäre Sache des Landesbetriebs für Vermögen und Bau, der momentan allerdings keine Kapazitäten hat. Aber wir hoffen, dass sich das irgendwann realisieren lässt. Denn die Lage ist klasse, direkt am Luchspfad. Dorthin kann man mit dem Bus fahren, für Schulklassen optimal. Und aus Baden-Badener Sicht wäre es ein Eingangsportal zum Nationalpark.

Wie wichtig ist das Naturerlebnis für Baden-Baden?
Ich habe den Eindruck, dass die Lust auf Natur grundsätzlich steigt, auch weil wir durch die wachsenden Städte und Trends wie die Digitalisierung immer stärker von der Natur entrückt werden. Das spüren wir besonders auf dem Luchspfad und auf dem Wildnispfad. Aber wir merken es auch bei Angeboten wie der Trekkingtour für Radfahrer durchs Rebland bis zur Geroldsauer Mühle und dem Trekkingweg für Wanderer zwischen Baden-Baden und Freudenstadt. Hier kann man unterwegs auf ausgewiesenen Trekkingplätzen übernachten, mit Zelt oder unter freiem Himmel. Auf diesen Plätzen darf man Feuer machen und es gibt eine Toilette, aber sonst eben nur Natur – oft noch nicht mal eine Mobilfunkverbindung. Und schon am Tag der Einweihung gab es die ersten Nachfragen von Familien, die unbedingt mit ihren Kindern in den Wald wollten, ohne Fernsehen, ohne Handy, ohne fließendes Wasser. Also, die Sehnsucht ist da – und entsprechend wichtig ist das Angebot von Naturerlebnis für uns als Stadt.


Stichwort: Schwarzwaldhochstraße, die ja sehr viel Verkehr durch den Nationalpark führt – ist das für Sie ein Widerspruch zum Naturerlebnis?
Das sehe ich ganz pragmatisch. Die Schwarzwaldhochstraße hat eine lange Tradition von über 100 Jahren. Sie hat nochmal an Attraktivität gewonnen durch den Sturm Lothar im Jahr 1999, weil als Folge des Orkans Sichtschneisen frei wurden. Und sie dient tatsächlich niederschwellig dazu, Städter überhaupt an die Natur da oben heran zu führen. Allerdings sollte man den Schwarzwald im wahrsten Sinne erfahren und nicht nur durchpreschen – das Erlebnis also zelebrieren. Ich fahre selbst gerne auf dem Motorrad mit, mit hochgeklapptem Visier, und nehme die wunderbaren Eindrücke in mich auf. Das Tempolimit ist meiner Meinung nach deshalb absolut angemessen und ich finde es auch gut, wenn die Verkehrspolizei streng kontrolliert. Ich bedaure es sehr, dass Auto- wie auch Motorradfahrer die Strecke für Rennen nutzen. Das ist aber kein gesondertes Problem hier, das findet man auch auf anderen Straßen in Deutschland.

Haben Sie einen Lieblingsplatz?
Ich gehe gerne auf Luchs- und Wildnispfad spazieren. Die Erlebnispfade sind relativ nah an Baden-Baden und man kommt schnell hin, hat aber trotzdem schon die tolle Luft, gerade auch im Sommer. Der Temperaturunterschied kann gigantisch sein zwischen Stadt und Wald. Und man kann dort die Natur in sich aufnehmen, Geräusche von Regen, Wind, Insekten, Waldvögeln. Wenn man aus dem Büroalltag kommt, dann ist das wie einen Schalter umzulegen. Ein Erfrischungsbrunnen. Gerade wenn im Frühling das erste junge Grün kommt, da will man gar nicht mehr raus aus dem Wald. Sehr schön ist auch unser Hausberg, der Merkur mit seiner Bergbahn. Wer oben steht und den Blick schweifen lässt, kann direkt auf die Badener Höhe mit dem Sandsteinturm schauen. Ich frage Gäste dann gerne: „Wisst ihr eigentlich, dass in der Kulturstadt Baden-Baden auch ein Stück Nationalpark ist? Richtig wilder Wald? Der ist da drüben.“ Dann werden die Ferngläser gezückt, um ‚die Wildnis‘ zu sehen. Ich sage dann: „Da müsst ihr hingehen, es erleben, aus der Ferne betrachtet ist Wildnis nicht zu erkennen.“

Sie erwähnten die Temperaturunterschiede…
Ja, ich hatte einmal ein eindrucksvolles Erlebnis, da war eine Gruppe der Stadtverwaltung eingeladen, sich dort oben umzusehen. Wir kamen aus der Stadt, es war Frühsommer, wir waren leicht angezogen. Oben wurde es dann aber windig, Wolken zogen auf und auf einmal waren es nur noch drei Grad! Wenn ich nur dran denke, bekomme ich noch eine Gänsehaut. Die Mitarbeiter vom Nationalpark kennen das natürlich, die laufen winters wie sommers gewappnet rum. Aber wir waren nach drei Stunden so ausgekühlt, wir haben hinterher sogar einen Glühwein getrunken. Im Sommer! Da wurde mir bewusst, dass Baden-Baden wirklich zwischen 150 und 1.000 Metern Höhe eine große Klimabreite bietet. So ist eben Natur: keine Kuschelromantik.

Der Baden-Baden-Nationalpark

Baden-Baden war von Beginn an Befürworter des Nationalparks Schwarzwald. Die Stadt überließ unter dem ehemaligen Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner dem Land Baden-Württemberg einen Teil seiner kommunalen Waldfläche. Seither gehören 423 Hektar des insgesamt 7.500 Hektar großen Stadtwaldes zum Nationalpark. Erst dadurch wurde die Gründung des Nationalparks zu diesem Zeitpunkt überhaupt möglich, denn die Landesflächen alleine reichten nicht aus, um die Mindestanforderung von 10.000 Hektar zu erfüllen.

Der Nationalparkteil Baden-Badens gehört bereits jetzt zu 80 Prozent zur sogenannten Kernzone, also dem Teil des Nationalparks, in dem der Mensch Natur Natur sein lässt. In Baden-Baden grenzt diese Kernzone direkt an den bewirtschafteten Kommunalwald: Der sogenannte Pufferstreifen, der Beobachtungsstreifen, der dem Borkenkäfermanagement dient und den gesamten Nationalpark umschließt, liegt hier außerhalb des Nationalparks auf dem Gebiet des Stadtwalds Baden-Baden. Um sicherzustellen, dass sich Wildnis und Wirtschaft nicht ins Gehege kommen, arbeiten Nationalparkförster und Stadtförster in Baden-Baden Hand in Hand.

Margret Mergen wurde im Jahr der Eröffnung des Parks, am 10. Juni 2014, zur Oberbürgermeisterin gewählt. Zuvor war sie bereits Erste Bürgermeisterin in Karlsruhe und hatte dort die Diskussion um die Entstehung eines Stücks Wildnis inmitten der Wirtschaftswaldregion Nordschwarzwald verfolgt. Sie gehört dem Nationalparkrat an und ist in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv.

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